http://www.mig-music.de/wp-content/uploads/2016/10/FlacoJimenez_Fiesta-LiveInBremen300px72dpi.png
  • Facebook
  • Twitter

Mit der Veröffentlichung von FLACO JIMÉNEZ‘ CD „Fiesta“ am 25.11. 2016 erweitert MIG Music sein musikalisches Spektrum. Tex Mex und Südstaaten-Rock sind ja bereits im Katalog  vertreten, doch nun geht es weiter Richtung Mexiko und Folklore, mit einem Musikstil namens Conjunto.

Die Rhythmen von Conjunto klingen mehr als vertraut, denn man kennt sie aus deutscher und österreichischer Folklore: Polka und Walzer. Beide Tänze wanderten mit deutschen Immigranten im 19. Jahrhundert in Texas ein und zogen immer weiter gen Süden.  Für kurze drei Jahre, 1864 bis 1867, hatte Mexiko überdies einen österreichischen Kaiser. Erzherzog Ferdinand Maximilian war vom französischen Kaiser Napoleon III. unter falschen Voraussetzungen auf den Thron gelockt worden, um Frankreichs Machtanspruch zu stützen. Der Habsburger wurde am Ende erschossen, die Musik blieb interessanterweise vor Ort und wurde in den Alltag integriert.

Das Akkordeon, oder auch die Quetschkommode, war 1829 gerade erfunden worden, wie Stefan Hentz in der Zeit schreibt: „Ein Instrument, das auch im Freien das Brausen des Windes übertönt und bei den Festlichkeiten auf den Tanzböden der Wirtshäuser das Klirren der Gläser und die anschließende Randale.“ Großer Sound aus nur einem Instrument, sehr praktisch für Bevölkerungsschichten, die sich kein Orchester leisten konnten.

Auch FLACOs Familie lieferte die Untermalung für derartige Festivitäten. Sein Großvater Patricio spielte das einreihige Akkordeon. Sein Vater, Santiago Jiménez, Sr., hat mit eigenen Kompositionen die Tradition des Tejano conjunto begründet. Jedes Wochenende verdiente er in San Antonio das Geld für seine siebenköpfige Familie. „Wir waren arm, aber dank Vater waren wir wenigstens nicht hungrig“, erinnert sich FLACO in einem Interview der Smithonian Folk Ways.

Das Talent und das Gehör für Noten bekam Leonardo „Flaco“ Jiménez also in die Wiege gelegt.  Außerdem gab FLACOs Vater Musikunterricht und komponierte eigene Songs: Walzer, Polkas, canciones rancheras – Country-Lieder. FLACO saß immer daneben. Und konnte die Stücke bald auch spielen.  „Ich liebte das Akkordeon, liebte, wie er spielte. Ich kümmerte mich um das Instrument, packte es in sein Auto.“ Später durfte er auch mit zu den Auftritten. Einmal schlug der Bassist vor, dass Leonardo nach der Pause ein paar Stücke spielen sollte.

So stand FLACO als Knirps von knapp sieben Jahren erstmals auf der Bühne und zwar auf einer Bierkiste, weil sich der Mikroständer nicht weiter herunterfahren ließ. „Ich spielte drei Stücke nacheinander, und die Leute waren erstaunt, dass ich spielte wie mein Dad. Und plötzlich standen sie im Halbkreis und starten mich an. Und ab da hieß es immer ‚das ist Santiago Jimenez’ Sohn!“

Danach ging ein Bierglas herum, und als es wieder zurück zur Bühne kam, war es randvoll mit Münzen. FLACO wollte es mit seinen Brüdern teilen, allen Bonbons und Drachen kaufen, aber der Vater sagte, es sei allein sein Geld, er hätte es sich verdient. Derart angespornt, sind die Weichen für die Musikerlaufbahn gestellt.

Im Internet stößt man bei der Recherche nach FLACO und seiner Geschichte auch auf ein wundervolles Bilddokument von 1972, aus dem Studio von Atlantic Records in New York, zu finden auf dem Cover von Doug Sahms LP „Doug Sahm And Band“. Dort blickt ein Großteil der namhaften Musiker in die Kamera, mit denen der Akkordeonvirtuose zusammengespielt hat:  Sahm, Dr. John, Bob Dylan, David ‚Fathead‘ Newman, David Bromberg und andere. Auch die Stones (für „Voodoo Lounge“) sowie  Country-Star Dwight Yoakam sicherten sich noch FLACOs virtuoses Akkordeonspiel.

Hierzulande trat der inzwischen fünffache Grammy-Preisträger  wohl erstmals an der Seite von Ry Cooder mit dem 1976er Album „Chicken Skin Music“ in Erscheinung. Mit ihm kam er erstmals auf Tournee nach Europa.

Seit 2012 gehört FLACO JIMÉNEZ quasi zum Weltkulturerbe, die amerikanische Kunst-Stiftung National Endowment for the Arts würdigte ihn mit einer National Heritage Fellowship. Diese höchste Ehrung wird einem Künstler nur einmal im Leben zuteil, wenn er sich in besonderer Weise um Volkskunst oder die traditionellen Künste verdient gemacht hat. Und dann sind da natürlich die Grammys. Drei erhielt Flaco für seine eigenen Alben „Ay te dejo en San Antonio“(1986), „Flaco Jiménez“ (1995) und „Said and Done“ (1999), einen mit den Texas Tornados (1990) und mit der zweiten Version der Texas Tornados,  Los Super Seven (1998).

FLACO JIMÉNEZ hat die traditionelle Musik des Conjunto mit seinen Improvisationen und neuen Kompositionen in die Gegenwart transportiert und am Leben erhalten.  Und er ist bekannt dafür, dass er ein humorvoller und unterhaltsamer Zeitgenosse ist, der etliche Geschichten auf Lager hat, aber immer mit beiden Beinen auf dem Boden gebleiben ist. So ohne weiteres wird man schließlich nicht zu einer „Legende“. Für Flaco hingegen scheint das alles recht einfach.

„Alles, was du brauchst, ist Herz und Freude“, behauptet der 77-Jährige, und es braucht lediglich eine winzige Dosis dieser Musik, um zu begreifen, wie recht er hat. Ein paar Takte – und schon stellt sich gute Laune ein. Ein paar weitere Takte – es zuckt in den Füßen und  man möchte tanzen. Solche Stimmungsaufheller könnten wir im grauen Alltag öfter gebrauchen, dann wäre öfter mal „Fiesta“.

Zum Album

Share This