Jack Bruce + hr-Bigband

More Jack Than Blues (Art of Groove)


  • CD + DVD
  • Date : 27.11.2015
  • Package : CD + DVD Digipac
  • Running Time CD : 60:24
  • Running Time DVD : 83:23
  • Video Format : DVD5/NTSC
  • Audio Format : PCM Stereo
  • Picture Format : 4:3
  • Regionalcode: 0
  • FSK 0

Jack Bruce + hr-Bigband – More Jack Than Blues

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Der Mann ist selbstbewusst geblieben: »Ich spiele keinen Jazz, ich spiele Jack!« Wer Jack Bruce im Konzert erlebt hat, spürte unmittelbar, warum der Schotte zu den großen Eigensinnigen der Rockszene zählte. Modische Trends interessierten ihn nicht, die neuesten Technologien waren für ihn schon Schnee von gestern, dem Jugendlichkeitswahn des Pop setzte er die Erfahrungskraft von mehr als 45 Jahren als aktiver Musiker entgegen. Dabei besaß der Songschreiber, Bassist, Pianist und Sänger einen unschätzbaren Vorteil gegenüber der juvenilen Konkurrenz: Seit seinen Anfängen als Kontrabassist in der britischen Rhythm-and-Blues-Szene Anfang der 60er hatte er einen Personalstil kultiviert, der ihm bei den Nachgeborenen Respekt und Glaubwürdigkeit eintrug: »Die meisten Kids kennen ›Cream‹, ich weiß das durch die Menge an Post, die ich auf meiner Website bekomme. Viele junge Musiker schreiben mir, dass sie ›Cream‹ durch ihre Eltern kennengelernt hätten und von dort zu
meinen Soloalben gefunden hätten.«

Angefangen hat Jack Bruce, der in den 50er-Jahren mit seinen Eltern in Kanada und den USA gelebt und nicht weniger als 14 Schulen besucht hatte, auf dem Cello. Doch schon bald entdeckte er nach einem Kompositionsstudium an der Royal Scottish Academy of Music den Jazz als seine wahre  Leidenschaft. Bald stieg er am Kontrabass ins noch traditionell orientierte »Bert Courtley Octet« ein, lernte dort an den Trommeln den »Feuerkopf« Ginger Baker und dank der Vermittlung des Saxofonisten Dick Heckstall-Smith den bluesbesessenen Alexis Korner kennen. 1962 wurde er Mitglied in dessen »Blues Inc.«, der ersten britischen Rhythm-and-Blues-Band. Im darauffolgenden Jahr zupfte er den Bass in der »Graham Bond Organisation« und lernte während eines fünfmonatigen Gastspiels bei »John Mayall‘s Bluesbreakers« den Gitarristen Eric Clapton kennen. Inzwischen war Bruce vom Kontrabass zum E-Bass gewechselt, den er auch in Manfred Manns Hit »Pretty Flamingo« im Spiel hatte. Seine musikalischen Ansprüche waren damit aber keineswegs erfüllt.

Die strategische Allianz, die Clapton, Bruce und Baker dann unter dem Namen »Cream« im Juni 1966 schlossen, kannte nur ein Ziel: Aus den drei besten Instrumentalisten ihrer Zeit in Großbritannien sollte sich mehr als die Summe ihrer hochkarätigen Teile ergeben. Zu oft schon hatte eine »All Star Formation« nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Doch als die drei Mittzwanziger, die damals noch in den erfolgreichen Bands von John Mayall Graham Bond und Manfred Mann unter Vertrag standen, im Frühjahr 1966 erstmals im Wohnzimmer von Bakers Haus zusammen jammten, sprang der Funke unmittelbar über und ließ wie in einer unvorhersehbaren chemischen Reaktion einen gänzlich neuen Explosivstoff entstehen. Der beinahe unheimliche Energiefluss der Drei, bei zugleich traumwandlerischer Interaktion und ständiger wechselseitiger Befeuerung, schlug die Brücke von der britischen Blues-Bewegung über Psychedelic-Rock und Progressive-Pop bis zum Jazzrock der nächsten Dekade. Nie zuvor hatten bluesbasierte Rockmusiker so hemmungslos miteinander improvisiert und die Grenzen ihrer Instrumente erforscht. Mit der ästhetischen Ernsthaftigkeit von »Cream« wurde die Rockmusik erwachsen und Musikalität wurde »hip«. Im Konzert klang ihre Musik wie ein Hexengebräu.

Es ging nicht länger darum, Chicago-Blues-Heroen zu kopieren, vielmehr suchte man eine gänzlich neue Synthese aus Rhythm-and-Blues-Motiven, Rock-Rhythmen und dem Abenteuer der Improvisation. Schnell zeigte sich, dass im brodelnden Amalgam aus Gitarre, Bass und Schlagzeug, die strahlende Zukunft der Band begründet lag. Ihr Sound-Konzept, in dem sich das metallische Klirren amerikanischer Westcoast-Bands mit der erdhaften Schwere des schwarzen Electric-City-Blues vermählte, passte wunderbar zu den Trip-Erfahrungen, die Jugendliche zeitgleich mit halluzinogenen Drogen machten. Nicht wenige meinten damals, »Muddy Waters auf dem Mars« zu hören. Auch als Geburtsstätte der »Superstars«, herausragender Virtuosen als Identifikationsfiguren, kam »Cream« gerade zur rechten Zeit. Über klassischen Blues-Riffs wie »Crossroads« oder »Rollin‘ And Tumblin‘« spannten sich weite Improvisationsbögen, die vor allem von der Kommunikationsdichte zwischen Bruce und Clapton getragen wurden. Das E-Bass-Spiel stieß hier in unbekannte Räume melodischer Neuerfindung vor. Bruce spielte sein Instrument mit der Intensität eines Leadgitarristen. Doch schon nach zweieinhalb Jahren war das Abenteuer zu Ende – zu übermächtig waren die Spannungen in der Band geworden.

Als es dann im Frühjahr 2005 zur langersehnten und dennoch überraschenden Reunion von »Cream« kam, war der Erwartungsdruck groß:
Würde die alte Magie völlig losgelöster Rockimprovisationen innerhalb der Gruppe noch einmal aufleben? Würde man den psychedelisch aufgeladenen Bluesrock erneut über seine Grenzen hinaustreiben können? Die vier Londoner und drei New Yorker Konzerte – auf DVDs und CDs festgehalten – demonstrierten, dass die alte Band-Chemie im Fegefeuer des Unvorhersehbaren noch immer funktionierte. Grund genug für die Macher des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt den legendären Komponisten/Bassisten/Sänger zu fragen, ob es ihn nicht reizen könnte, neben den wiederbelebten »Cream«-Klassikern auch andere entscheidende Wegmarken seiner Karriere im Kontext einer Bigband zu reformulieren. Bruce, der sich nach dem neuerlichen »Cream«-Triumph vor Anfragen von Konzertveranstaltern im Jahr 2006 kaum retten konnte, sagte sofort zu, nachdem er Aufnahmen der hr-Bigband gehört hatte. Zur weiteren Planung lud er die Programmgestalter des Deutschen Jazzfestivals spontan in sein Haus nach England ein. Schnell wurde klar, dass dieses Bigband-Projekt eine Herzensangelegenheit von Bruce sein würde. Denn er hatte inzwischen eine erste Auswahl aus seiner Song-Kollektion getroffen und diskutierte mit den Frankfurter Gästen – im »living room« mal am Konzertflügel, mal am Bass die jeweilige Songstruktur demonstrierend – in welcher Form die Stücke für die hr-Bigband umgeschrieben werden könnten. Sein Vertrauen in die Fähigkeiten von Bigband-Chef Jörg Achim Keller war so groß, dass er ihn mit den Arrangements betraute und während der nächsten Wochen engen Kontakt mit ihm hielt.

Als dann die Proben in Frankfurt begannen, wurde allen Beteiligten schnell klar, dass das Aufeinandertreffen von Bruce und der hr-Bigband nichts weniger als ein Glücksfall war: Titel wie Rope Ladder To The Moon oder Never Tell Your Mother She‘s Out Of Tune entfalteten mit den raffinierten »voicings« der Bläserstimmen ganz unerwartete Strahlkraft. Nach eigenem Bekunden war Bruce dank der Vermittlung des Produzenten Kip Hanrahan auch schon seit langem der Lässigkeit lateinamerikanischer Rhythmik und ihrer Vielfarbigkeit erlegen. Nummern wie Milonga und The Consul At Sunset lieferten den Beweis. Natürlich durften »Cream«-Klassiker wie Sunshine Of Your Love oder Spoonful nicht fehlen. Es waren ganz unsentimentale Bezugspunkte für Jack Bruce: »Aussichtspunkte in einer Landschaft, die man immer wieder gern besucht.« Auch andere Titel früherer Solo-Alben wie das jubilierende Theme For An Imaginary Western schöpften ihre Energie aus dem Konzept eines respektlosen »Re-Composing«: »Ich versuche inzwischen meine Improvisationen als neuerliche Kompositionen anzulegen. Charlie Parker war z.B. ein begnadeter Improvisator, Thelonious Monk dagegen eher ein großer ›Re-Composer‹ in seinen Soli. Für mich ist dieses ›Re-Composing‹ eine Art Improvisation, die jedoch stabiler und formbewusster klingt.«

Wie betörend noch immer der zufällig wirkende Zauber des Zusammenklangs von Stimme und Bassfiguren ist, demonstriert nicht zuletzt die muskulöse Bigband-Version von Born Under A Bad Sign. Bruce gestand rückblickend: »Bei ›Cream‹ musste ich auf meinem Bass mit der Virtuosität eines Gitarristen den Klangraum füllen! Wir waren ja nur im Trio und deshalb dazu verdammt, viele Noten gleichzeitig zu spielen, wenn wir nicht dünn und drucklos klingen wollten.« Seit Jahren spielte Jack Bruce ein bundloses Instrument, weil nur dieses ihm erlaubte, die Verschleifungen seines kehligen Gesangs mit den Basslinien zu harmonisieren. »Ich brauche die Freiheit, eine Note zu modulieren, wann und wo ich es will und nicht, wo ein Bundstab es mir vorschreibt.« Die Sounds seines Instruments verbündeten sich mit den Klangwerten der Wörter, produzierten sonische Reibungen, erhellten sich wechselseitig in ihrer Signifikanz.

Das Konzert am Eröffnungsabend des 37. Deutschen Jazzfestivals Frankfurt offenbarte dann, dass Bruces Gesangsstimme weiter gereift war und flexibler als je zuvor phrasierte. Immer wieder steigerte er ihre raue Grundierung zu vibrierendem Pathos. Doch bei aller Emphase seines Gesangs, bei allen flehenden Untertönen – man höre nur auf die dramatischen Steigerungen in der »Cream«-Nummer We‘re Going Wrong – bewahrt Bruce eine offensive Verletzlichkeit. »Gerade weil es nur um den Ausdruck des Unsagbaren in der Musik geht, ist für mich der Blues mit den Jahren immer wichtiger geworden.«. Dass es im Frankfurter Blues-Labor immer wieder zu musikalischen Höhenflügen kam, lag nicht zuletzt an der überbordenden Spiellaune der hr-Bigband und ihrer leichthändigen Präzision. Der junge Gitarrist Martin Scales zum Beispiel, gerade erst zum festen Mitglied des Klangkörpers avanciert, ließ sich von Eric Claptons langem Schatten kaum beeindrucken und sorgte mit wilden, wagemutigen Soli für überraschend unorthodoxe Inneneinrichtungen der Stücke. Jörg Achim Keller hatte in seinen Arrangements die Klassiker gerade so weit verfremdet, dass der Charme des Vertrauten dabei nicht auf der Strecke blieb. In dieser
komfortablen Klangarchitektur fühlte sich Jack Bruce jedenfalls unüberhörbar wohl.

Ob er damit dem popmusikalischen Zeitgeist hinterherhinkte, war ihm einerlei. »Wir besitzen immer nur einen begrenzten Vorrat an Ideen – egal wie begabt wir auch sind«, wusste der einflussreichste Bass-Stilist des Rock und fügte sogleich kämpferisch hinzu: »Kommerzialität ist dabei die schlimmste Form der Selbstzensur.«

Peter Kemper

 

Tracklisting:

CD
1.    Never Tell Your Mother She’s Out Of Tune    04:11
2.    Rope Ladder To The Moon    03:10
3.    Spoonful    08:50
4.    Smiles And Grins    07:13
5.    Born Under A Bad Sign    03:50
6.    Theme From An Imaginary Western    05:27
7.    Milonga    05:45
8.    The Consul At Sunset    04:32
9.    We're Going Wrong    06:00
10.    Deserted Cities Of The Heart    03:36
11.    Sunshine Of Your Love    07:48
CD complete    60:24

DVD:
1.    Never Tell Your Mother She’s Out Of Tune    05:05
2.    Rope Ladder To The Moon    03:21
3.    Spoonful    09:21
4.    Smiles And Grins    07:41
5.    Born Under A Bad Sign    03:58
6.    Theme From An Imaginary Western    06:00
7.    Milonga    05:53
8.    The Consul At Sunset    04:59
9.    We're Going Wrong    06:15
10.    Deserted Cities Of The Heart    04:14
11.    White Room    07:30
12.    Sunshine Of Your Love    11:18
13.    Waiting For The Call    07:48
CD complete    83:23

 

Video

Photos

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Photos by Norbert Klöppel