Volker Kriegel

With A Little Help
From My Friends
(Art of Groove)


  • CD
  • Date : 26.04.2013
  • Package : CD Digipack
  • Running Time CD : 1:17:25

Volker Kriegel – With A Little Help From My Friends

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Wie alles anfing und der Zoll abgeschafft wurde – Volker Kriegel, Gitarrist, Cartoonist, Denker und Genie zugleich – Von Wolfgang Sandner
Die Arroganz hat den Jazz verlassen. Es gab Zeiten, da haben die Musiker ihrem Publikum demonstrativ den Rücken zugewandt und alles getan, um mit eckigen Phrasierungen und harmonischen Alterationen unverstanden zu bleiben. Wer sich beklagte, dass man zu diesem Jazz nicht mehr mit den Fingern schnippen konnte, dem wurde hochnäsig mitgeteilt: „Mit deinen Fingern muss was nicht in Ordnung sein.“ Vergangene Zeiten. Längst haben sich die Jazzmusiker von ihrer Zwangsvorstellung befreit, aus kleinen Verhältnissen zu kommen. Es ist wieder schick geworden, auf Jazzimprovisationen das Tanzbein zu schwingen und zu betonen, dass dieser etwas anders rhythmisierte Viervierteltakt aus den dunkelsten Amüsiervierteln amerikanischer Großstädte stammt.
Mehr noch. Mittlerweile ist auch die Lounge überall. Dem Jazz hat sie nicht geschadet. Man könnte sogar behaupten, erst durch die wiedererstandene Kultur des Räkelns und Herumliegens zur Entspannung sind auch bestimmte Formen des Jazz wieder populär geworden: der melancholische Cool Jazz an der Bar um drei Uhr morgens, der beiläufige Singsang eines Chet Baker auf dem Studiohocker, im weißen Unterhemd fotografiert von Bruce Weber, die leise Dinner Music einer Combo in den Restaurants der feinen Gesellschaft, der elegante Bossa Nova eines Stan Getz für alle, die den Flirt als Lebensqualität propagieren. Und natürlich auch die Blutkonserven aus Pop und Rock, mit denen der Jazz seine ästhetische Anämie mit einer Rosskur begegnen wollte.
Es begann um das magische Wendejahr 1968, eine Zeit, die auch musikalisch als eine wilde Umbruchszeit in Erinnerung bleiben wird. Jimi Hendrix fragte die anschwellende Popgemeinde „Are you experienced?“, um ihr danach die Antwort in Form seines gigantischen dritten Albums „Electric Ladyland“ gleich selbst hinterherzuschreien. Miles Davis schickte sich an, den engen Zirkel des Jazz zu verlassen und zum Verzücken seiner Plattenfirma ein Hexengebräu aus Jazz und Electronic-Rock anzurühren, während Peter Brötzmann mit seiner „Machine Gun“ als Baritonsaxophon getarnt die radikale Gegenoffensive startete. Joni Mitchell produzierte – mit einer kleinen Hilfe ihres Freundes David Crosby – ihr sanftes Debütalbum „Song to a Seagull“, und Cecil Taylor ritt derweil seine bizarren Klavierattacken mit dem Jazz Composers Orchestra.

Zwischen den Extremen „Free Jazz“ und „Folkrock“ begann sich die Erkenntnis zu verbreiten, dass die feindlichen Brüder Jazz und Rock doch mehr einte als trennte: Fusion war die Zauberformel, auch wenn der Begriff erst später als verkaufsförderndes Etikett auf die Produkte dieses musikalischen Handschlags zur Versöhnung geklebt wurde. Bald ging die Verbrüderung so weit, dass man auf manchen Jazzfestivals unter all dem Rock- und Bluesrockgedröhn den kammermusikalisch ziselierten Jazz auf akustischen Instrumenten mit dem Hörrohr suchen musste und so mancher Beobachter den Einfluss des Rock auf den Jazz als feindliche Übernahme ansah. Aber wie auch immer man die Übergriffe sehen mag, sie haben ein Genre hervorgebracht, das bis heute mit Ablegern wie dem Funk-Jazz lebendig geblieben ist, und sie haben sozusagen den freien Warenverkehr unter den musikalischen Lagern befördert.

Volker Kriegel brachte in diesem entscheidenden Jahr 1968 „With a little Help from My Friends“ heraus, sein erstes Album unter eigenem Namen, und sorgte mit seinem Gespür für die Tendenz der Zeit nicht nur in der Szene für Furore – Der Vibraphonist Dave Pike formte im selbem Jahr mit dem Gitarristen aus Darmstadt mit späterem Wohnsitz in Frankfurt und Wiesbaden das höchst erfolgreiche Dave Pike Set, das nur drei Jahre später das renommierte Newport-Jazz-Festival eröffnete und Kriegel in die erste Reihe der europäischen Jazzmusiker katapultierte, die auch in Amerika respektiert wurden. Auch die deutsche Öffentlichkeit, nicht gerade für ihr ausuferndes Interesse am Jazz bekannt, nahm sich des neuen Phänomens an. Der Spiegel wunderte sich über diese „Mischung aus Blues, Bossa Nova, Beduinenklängen und Beat“ und ließ Volker Kriegel ausgiebig darüber räsonieren, warum man den Begriff Jazz am liebsten gar nicht mehr verwenden möchte: „Er engt unsere Musik viel zu sehr ein. Die Jazz-Apologeten werden sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass ihre Schublade klemmt.“

Es war ein schweres Geschütz, das auf den Elfenbeinturm des Avantgardejazz gerichtet war, denn was der Spiegel in seinem plakativen Jargon zu ironisieren versuchte, war in Wirklichkeit eine durchaus nicht oberflächliche, vielmehr ebenso originelle wie komplexe Revitalisierung des Jazz mit anderen Mitteln. In einem Gespräch, das die von Fritz Rau herausgegebene „Concert Zeitung“ 1968 veröffentlichte, hat Volker Kriegel seine Ahnengalerie preisgegeben, in der er sich selbst sah. Da taucht Barney Kessel neben Attila Zoller, Laurindo Almeida neben Sonny Sharrock und Andrés Segovia neben Toto Blanke auf. Da spricht Kriegel vom wunderschönen „timing“ eines Kenny Burrell, den schönsten Akkorden im Jazz, die aus dem Instrument von Jim Hall kommen, vom grandiosen Blues eines Jimi Hendrix, dem alten Handwerksstil eines Joe Pass und von John McLaughlin, der, „ohne geräuschhaft zu sein, spannender und moderner als alle anderen Gitarristen“ spiele.

Volker Kriegel war einer der reflektiertesten, intelligentesten, vielseitigsten, begabtesten und undogmatischsten Jazzmusiker in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der viel zu früh verstorben ist. Was für ein sanfter Gigant er schon mit fünfundzwanzig Jahren gewesen ist, macht nichts so bewusst wie sein Opus Eins „With a Little Help for My Friends“, mit dem er 1968 seine Visitenkarte abgegeben hat und in der sich all die von ihm so sehr geschätzten Gitarristen – nicht als Kopie, aber als Referenzen – wiederfinden. Kriegel besaß ein untrügliches Gespür für Phrasierung, für Steigerungsmomente, für langen Atem. Er konnte die Motivsplitter des Free Jazz und die satten Bluesharmonien dramaturgisch perfekt in sein lineares Spiel einbeziehen, das selbst in den ekstatischen Momenten immer kontrolliert wirkte.

Er war ein großer Stilist und ein versierter Techniker, der damit nie hausieren ging und stets sensibel auf seine kongenialen Mitspieler hörte. Er hatte keine Berührungsängste vor dem, was man einen schönen Ton nennen könnte, und zuckte nicht vor der Kraft eines Rock-Ostinatos zurück. Und er war immer geistreich; wie in seinen Cartoons und lakonischen Kindergeschichten, die er seit den sechziger Jahren veröffentlichte. Volker Kriegel war als Musiker wie bildender Künstler ein wacher Beobachter in der Hardcore-Atmosphäre Frankfurts zur Zeit der Achtundsechziger.

Seine anregende Kunst ist zu komplex, als dass man sie auf einen Nenner bringen könnte. Sie ist es auch deshalb, weil ihr Schöpfer sich vor keinen ästhetischen Karren spannen ließ, auch nicht vor den so suggestiven eines Teddy Adorno. Volker Kriegel war vielseitig. Ein gnadenloser Mitmarschierer war er nie und ein notorischer Lehnstuhlhocker auch nicht.

Player

Tracklist:

1. With A Little Help From My Friends
2. Blues For Instance
3. Norwegian Wood
4. Traffic Jam
5. Morandi
6. Na Na Imboro
7. Interpunctuation
8. Teaming Up
9. Vian-De
10. Spanish Soul
11. Na Na Imboro
12. Nina’s Dance (with Tony Scott)
13. Interpunctuation
14. Na Na Imboro